Verlagsgruppe Oetinger

Kirsten Boie: Verrat in Skogland

War von Anfang eine Fortsetzung zu Skogland geplant?
Skogland war nach dem ersten Band für mich absolut und ganz und gar abgeschlossen. Ich habe wirklich nicht eine Sekunde an eine Fortsetzung gedacht - hätte ich das getan, es wäre ja unsinnig gewesen, das nicht von Anfang an zu sagen. - Erst als ich dann von Leserinnen immer wieder Fragen nach einer Fortsetzung bekam, ist mir allmählich bewusst geworden, dass die Geschichte ja keineswegs so abgeschlossen ist, wie ich geglaubt hatte: Wie geht es denn einem Mädchen, das sein Leben lang unter eher schwierigen sozialen Bedingungen gelebt hat, wenn es sich plötzlich als Prinzessin wiederfindet? Und, was die politische Handlung betrifft: Ist es nicht unrealistisch zu glauben, dass die Hintermänner des Komplotts in Band 1 jetzt so einfach aufgeben und die neue Situation in Skogland ohne Widerstand akzeptieren? Damit gab es am Ende des ersten Bandes eigentlich zwei Handlungsstränge, die noch zu Ende erzählt werden mussten. Und das habe ich darum mit "Verrat in Skogland" getan.

Wie entstand denn überhaupt die Idee zu Skogland?
Ich bin an einem grauen Novembertag am Tor eines großen Landgutes in Schleswig-Holstein vorbeigefahren, und plötzlich hatte ich die Idee, hier eine Prinzessin wohnen zu lassen, eine richtige Prinzessinnengeschichte zu schreiben und sie dann ganz einfach und heimtückisch für meine Zwecke zu benutzen. Mir ist ja bewusst, dass Kinder – und das ist auch ganz in Ordnung so! - fast immer nur aus einem einzigen Grund lesen: Um sich zu unterhalten, zu lachen, um sich Wünsche und Träume zu erfüllen beim Abtauchen in die Welt eines Buches. Ich habe also mit viel Vergnügen Figuren, von denen ich vermute, dass sie Kinder zum Lesen reizen, wie Prinzessinnen, Rebellen, einen Vizekönig und seinen hinterlistigen Berater, ein schüchternes Küchenmädchen, genutzt, um daraus eine spannende Handlung inklusive Verwechslungsgeschichte zu konstruieren und darin andere, ernsthaftere Themen quasi zu verstecken. Wer das eine – die Prinzessinnengeschichte, das Abenteuer – haben will, muss das andere – die Geschichte um Arm und Reich, ungleiche Chancen  und gesellschaftliche Ungerechtigkeit – mitnehmen, so funktioniert das Buch.

Warum spielt Skogland in einem fiktiven Land?
In einem fiktiven Land kann ich alles quasi exemplarisch haargenau so entwickeln, wie ich es brauche, die Handlung, die Figuren, ohne Rücksichten nehmen zu müssen. Sogar meine Landschaft kann ich mir aussuchen. Außerdem ist es mir in diesem Buch ja nicht um ein bestimmtes Land gegangen, sondern um ein grundsätzliches Problem, um den Gegensatz zwischen Arm und Reich, meinetwegen zwischen Nord und Süd, der sich überall auf der Welt auf ganz unterschiedliche Weise konkret zeigt. Wenn also jemand zu mir sagt: „Es geht um den Irakkonflikt, stimmt`s?“ oder: „Ich hab gleich gemerkt, dass es um die Nachbarschaft Europa-Afrika geht“, oder: „Das hast du nach dem 11.September geschrieben“, oder: „Klar, das ist das Thema Migranten bei uns in Deutschland“ – dann kann ich in jedem einzelnen Fall ganz ehrlich sagen: nein, das meine ich nicht. Aber ja, all das meine ich und noch eine Menge dazu.

Inwiefern sind Ihnen diese Themen für den Roman wichtig?
Diese Themen sind mir für den Roman wichtig, weil sie in der Realität wichtig sind und den Alltag der Kinder prägen, auch ohne dass ihnen das bewusst ist. Viele Überlegungen, wie sie Figuren der Geschichte zum Konflikt zwischen Nord- und Südskogen anstellen, lassen sich auch schon von Kindern auf unsere heutige Wirklichkeit übetragen. Aber ich glaube nicht eine Sekunde, dass ein Kind das Buch aus diesem Grund liest. Die Lesemotivation muss durch die Spannung der Handlung aufrecht erhalten werden, alles andere wird dann vielleicht, hoffentlich, so im Vorbeigehen auch noch mitgenommen.  
Skogland ist voller Action und sehr spannend – was hat Ihnen beim Schreiben besonders Spaß gemacht?
Action gibt es ja eigentlich gar nicht so sehr viel – die Spannung entsteht eher aus den häufigen Wendepunkten und neu auftauchenden offenen Fragen, jedenfalls war das meine Absicht. Und genau das hat mich beim Schreiben natürlich fasziniert: Der Handlung immer wieder einen neuen Dreh zu geben, beim Leser Vermutungen aufzubauen, die sich dann später als falsch erweisen oder als Halbwahrheiten; überall Vorverweise einzubauen, die der Leser aber an dieser Stelle hoffentlich noch gar nicht in ihrer eigentlichen Bedeutung wahrnimmt. Ich habe ja bisher nicht so sehr viel Erfahrung mit einer derartigen Handlungsstruktur, obwohl ich gerne gut gebaute Krimis lese, und alles Neue reizt mich.

Die Rebellen in Skogland kämpfen für eine gerechte Sache und gehen dabei nicht immer zimperlich vor. Glauben Sie, dass es eine „gerechte“ Gewalt gibt?
Allzu viel Gewalt habe ich in diesem Buch ganz bewusst vermieden. Es wird ganz deutlich, dass man mit der Frage nach der „gerechten Gewalt“ sehr behutsam umgehen muss. Es wird gezeigt, dass Gewalt, einmal eingesetzt, Gegengewalt provoziert, dass der Konflikt, der mit ihrer Hilfe eigentlich beendet werden sollte, stattdessen weiter eskaliert. Die einmal begonnene Spirale der Gewalt wieder zu unterbrechen, ist dann fast unmöglich, das sehen selbst Kinder ja schon täglich in den Nachrichten.

Jarven beweist trotz ihrer Ängstlichkeit sehr viel Mut und weiß ziemlich genau, was gerecht ist und was nicht. Was mögen Sie besonders an ihrer Heldin Jarven?
Jarven ist, wie vermutlich die meisten von uns, gar nicht so besonders gerne mutig. Viel lieber würde sie wieder in ihr ganz alltägliches Leben zurückkehren, aber das ist eben nicht möglich, nachdem sie einmal in Skogland angekommen ist. Jarven sieht sich einfach plötzlich in einer schwierigen, fast ausweglosen Situation, und darum handelt sie. Das halte ich übrigens für ziemlich realistisch.

Einmal in die Rolle eines anderen zu schlüpfen ist eine Vorstellung, die, glaube ich, einen besonderen Reiz auf fast jeden ausübt. Was ist der besondere Reiz der Prinzessinnenrolle, die Jarven ja zumindest zeitweise übernehmen darf?
Jeder, der kleine Mädchen kennt (oder selbst einmal eins war!), weiß, dass es kaum eine andere Rolle gibt, die für diese Gruppe attraktiver ist, man braucht sich nur den Fasching im Kindergarten und in der Grundschule anzusehen. So eine (Märchen-)prinzessin ist nämlich immer wunderschön, sie wird von allen bewundert und geliebt, sie darf über alle bestimmen und die finden das auch noch ganz in Ordnung, sie ist so reich, dass sie alles haben kann, was sie möchte, und ihr Vater, der König, hat sie schrecklich lieb. (Ihre Mutter, die Königin, auch.) So ungefähr alles, was sich ein Kind wünschen kann, ist in dieser Rolle vereint, und wenn das Kind dann größer wird, sitzt dieses Bild von der Märchenprinzessin längst fest, davon lebt ja eine ganze Zeitschriftenbranche. Und mir hat es natürlich auch viel Spaß gemacht, mal so richtig ins königliche Milieu einzutauchen, das gebe ich gerne zu, ohne mich allzu sehr zu schämen!

 
ABDRUCK HONORARFREI – BELEGE ERBETEN

Das Interview mit Kirsten Boie führte Judith Kaiser (Oetinger) im Mai 2008